Als wir das erste Mal nach Sønderho kamen, waren wir natürlich Touristen. Das ist inzwischen mehr als 25 Jahre her. Das Sommerhaus gehörte damals schon Jane's Eltern. Später haben wir in der kleinen Kirche mitten im Dorf geheiratet. Auf dem Loppemarked trifft man inzwischen immer wieder bekannte Gesichter, und dieses Jahr standen wir dort sogar zum ersten Mal selbst hinter einem Stand. Irgendwann ist Sønderho nicht mehr nur ein Urlaubsort — sondern einfach ein Teil unseres Lebens.
Vielleicht fällt mir deshalb etwas auf, das in keinem Reiseführer steht: Das Besondere an Sønderho ist gar nicht das, was da ist. Sondern das, was fehlt.
Was Sønderho ist
Sønderho liegt am südlichen Ende von Fanø, zwölf Kilometer hinter Nordby, und gilt als eines der am besten erhaltenen Seefahrerdörfer Dänemarks. Das klingt nach Prospekt, stimmt aber trotzdem. Nicht, weil hier alles geschniegelt aussieht, sondern weil das Dorf einfach nie aufgehört hat, ein Dorf zu sein.
Die Reetdachhäuser stehen dicht beieinander, die Gärten gehen fast ineinander über. Die Wege sind keine Straßen, sondern schmale Gassen zwischen Häusern, die seit Jahrhunderten dort stehen. Autos bleiben am Rand. Der Rest wird zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt.
Man läuft automatisch langsamer. Schneller ergibt zwischen diesen Häusern irgendwie keinen Sinn.
Mitten im Dorf steht die Sønderho Kro, eines der ältesten Gasthäuser Dänemarks. Nicht geschniegelt auf alt gemacht, sondern einfach geblieben.
Was man hört, wenn nichts zu hören ist
Der Titel dieses Artikels ist wörtlich gemeint.
Wer aus einer Stadt kommt, merkt es oft schon am ersten Abend. Da fehlt etwas. Nicht sichtbar, sondern hörbar. Genauer gesagt: nicht hörbar.
Kein Verkehrslärm. Keine Sirenen. Kein ständiges Hintergrundrauschen.
Stattdessen hört man den Wind im Reet, der ganz anders klingt als in Bäumen. Austernfischer auf den Salzwiesen. Ein Fahnenseil, das gegen den Mast schlägt. Das leise Surren des eigenen Fahrrads.
Je nach Jahreszeit riecht Sønderho anders. Mal nach Reet und Heide, mal nach Salzwasser und Watt.
Und später am Abend fast nichts mehr.
Eine Stille, die so vollständig ist, dass Gäste aus Hamburg sie manchmal erst einmal verdächtig finden.
Ein Dorf, das Geschichten erzählt
Wer sich Zeit nimmt, entdeckt plötzlich Dinge, an denen man jahrelang vorbeigelaufen ist.
Ich habe die Hunde in den Fenstern anfangs einfach für hübsche Deko gehalten. Erst viel später habe ich erfahren, dass sie einmal eine ganz praktische Bedeutung hatten. Die Porzellanhunde kamen mit den Seeleuten aus England nach Fanø. In vielen Häusern standen sie paarweise am Fenster und zeigten an, ob der Kapitän zu Hause oder auf See war.
An den Giebeln verraten Maueranker das Baujahr der Häuser. Viele Häuser tragen bis heute Namen statt Hausnummern. Man wohnt nicht einfach in Nummer 12, sondern in einem Haus, das oft schon seit Generationen einen eigenen Namen hat.
Über den Dächern ragt der Kåver auf dem Kåverbjerg empor. Er ist Dänemarks ältestes Seezeichen und wurde ursprünglich 1624 errichtet.
Heute wirkt der Kåver wie ein einzelner Holzturm. Tatsächlich war er früher nur die halbe Navigation. Draußen auf der Stranddüne stand ein zweites Seezeichen. Erst wenn beide exakt hintereinander standen, wussten die Kapitäne, dass sie sicher durchs Fahrwasser kamen.
Der äußere Kåver wurde 1915 abgebaut, der innere fiel 1935 einem Herbststurm zum Opfer. Erst 2011 errichteten die Sønderhoer ihn originalgetreu wieder.
Dass genau dieses Seezeichen heute auch das Logo von Fanø.net ist, kommt also nicht von ungefähr.
Der Hafen, den es nicht mehr gibt
Der Kåver erinnert an eine Zeit, in der Sønderho einer der bedeutendsten Seehäfen an der dänischen Westküste war.
Von hier segelten Schiffe nach Südamerika und Ostindien. Viele wurden sogar direkt im Ort gebaut.
Dann kam der Sand.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts versandete die Fahrrinne. Die großen Schiffe blieben aus. Der Hafen verlor seine Bedeutung.
Man kann das als Tragödie sehen.
Oder so: Der Sand hat Sønderho die Seefahrt genommen — und dafür die Stille dagelassen.
Heute kümmert sich die Sønderho Havn Støtteforening um den kleinen Hafen. Bei Hochwasser liegen wieder Boote am Steg. Der Spaziergang dorthin, vorbei an den Wiesen bis ans Watt, gehört für mich zu den schönsten Wegen auf Fanø.
Als unsere Kinder klein waren, war der Hafen fast immer das Ziel eines Abendspaziergangs. Mit Kescher und Eimer ging es auf Krabbenfang — genauer gesagt auf die kleinen Strandkrabben, die nach kurzer Bewunderung natürlich wieder ins Wasser zurückdurften. Und wenn ich heute dort vorbeikomme, sehe ich oft Kinder, die genau dasselbe machen. Manche Dinge ändern sich in Sønderho eben erstaunlich wenig.
Ein Jahr in Sønderho
Im Sommer zeigt sich Sønderho von seiner lebhaftesten Seite.
Beim Sønderho Dag ziehen Trachtengruppen durchs Dorf. Ende Juli übernimmt das Free Folk Festival die Straßen. Und an den Sonntagen gehört der Loppemarked an der alten Schule einfach dazu.
Dieses Jahr standen wir dort zum ersten Mal selbst hinter einem Verkaufstisch. Sonst schlendern wir einfach zwischen den Ständen hindurch. Viele Verkäufer kennt man inzwischen vom Sehen. Manche bauen seit Jahren jeden Sonntag gefühlt dieselben Dinge auf. Und trotzdem lohnt sich das Stöbern jedes Mal. Über meinem Schreibtisch hängen heute zwei alte Holmegaard-Leuchten, die ich genau dort gefunden habe. Offenbar muss man nur oft genug wiederkommen.
Wenn der Sommer vorbei ist, verändert sich das Dorf.
Im Spätsommer blüht die Heide lila. Im Herbst werden die Gassen leer. Dann gehört Sønderho wieder fast nur den Menschen, die hier leben — und denen, die genau diese Ruhe suchen.
Wer Sønderho nur im Juli erlebt, kennt eigentlich nur die halbe Geschichte.
Sønderho in Kürze
Für alle, die es praktisch mögen — die Fragen, die am häufigsten kommen:
Wann ist die beste Zeit für Sønderho? Lebhaft ist der Juli: Sønderho Dag am dritten Sonntag, Ende Juli das Free Folk Festival, sonntags der Loppemarked. Wer die Heideblüte will, kommt im Spätsommer. Wer die Stille sucht, ab Oktober.
Was sollte man gesehen haben? Die Kirche mit ihren Votivschiffen unter der Decke, Hannes Hus und die Sønderho Mølle der Fonden Gamle Sønderho, den Kåver auf seiner Düne — und den Weg hinaus zum alten Hafen. Alles zu Fuß erreichbar, nichts kostet Eintritt außer den Museen.
Wo isst man? Die berühmte Adresse ist die Sønderho Kro — ehrlich gesagt waren wir da noch nie. Wir landen immer wieder im Café Nanas Stue (Kaffee, Kuchen und ein kleines Fliesenmuseum gleich mit dazu) oder im Restaurant Fajancen, familiengeführt und mit saisonaler Küche.
Kann man in Sønderho übernachten? Hotels gibt es nicht — Sønderho übernachtet in Ferienhäusern. Unseres vermieten wir, wenn wir nicht selbst da sind.
Und das Auto? Bleibt am Ortsrand stehen. Das Dorf selbst gehört den Fußgängern und Fahrrädern — und genau das macht es aus.
Hinkommen, ohne Eile
Die Fähre von Esbjerg nach Nordby braucht zwölf Minuten. Von dort sind es noch zwölf Kilometer bis Sønderho — vorbei an Heide, Dünen und kleinen Kiefernwäldern.
Mit dem Fahrrad schafft man das locker in einer Stunde.
Man kann sich aber auch drei Stunden Zeit lassen.
Ehrlich gesagt passt das besser zu Sønderho.
Denn genau das macht dieses Dorf mit einem. Es gibt keine Sehenswürdigkeit, die man schnell abhaken muss. Keine Attraktion, vor der man Schlange steht.
Man wird einfach langsamer.
Vielleicht ist genau das das Besondere an Sønderho. Es hat sich über Jahrhunderte erstaunlich wenig verändert. Aber irgendwie verändert es die Menschen, die immer wiederkommen.
Übrigens — wir vermieten ein Ferienhaus in Sønderho auf Fanø, falls du länger bleiben möchtest.
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